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Ist Ihr Strafverteidiger ein Top-Anwalt?

Nicht selten kommen Menschen zu mir, die völlig enttäuscht sind von dem vermeintlichen Staranwalt, den sie zuvor aus “Bestenlisten” als “Top-Anwalt” herausgesucht haben.

Sie fragen mich dann, ob es denn keine Schule für Verteidiger gebe. Nein, die gibt es nicht. Verteidigen kann man nicht lernen. Der beste Verteidiger steht nicht immer in der Fokus-Bestenliste. Er ist der Beste, wenn er nur den Interessen des Mandanten dient.


Ein Arzt, der sein Studium beendet hat, weiß viel und kann wenig. Er muss sich für eine bestimmte medizinische Fachrichtung entscheiden und eine mindestens fünfjährige Weiterbildungszeit absolvieren. Erst dann ist er Facharzt. Erst dann darf er eine eigene Praxis führen. Doch wie ist das bei Verteidigern? Wann kann einer, der sich Verteidiger nennt, wirklich was? Wer ist der beste Verteidiger?


"Verteidigen ist keine Wissenschaft, sondern eine Kunst."

Bleiben wir mal bei dem Vergleich mit dem Arzt. Ebenso wie der Mediziner muss der Anwalt Diagnostiker und Therapeut sei, wenn er einen Fall bearbeitet. Und doch ist juristische Diagnostik und Therapie nicht dasselbe wie in der Medizin. Der Arzt stellt die Symptome fest. Er äußert die Vermutung, dass eine bestimmte Erkrankung vorliege. Und er experimentiert am Patienten. Er operiert und verabreicht ihm Medikamente. Und manchmal wird der Kranke dann wieder gesund. Der Verteidiger, der einem Mandanten helfen will, muss hingegen nicht feststellen, was ihm fehlt, sondern was ihm NICHT fehlt. Der Staatsanwalt spricht zum Richter: “Das ist ein klarer Fall von Betrug”. Der Verteidiger widerspricht ihm und sagt: “Das, was der Staatsanwalt an Beweisen vorgelegt hat, hat nichts mit Betrug zu tun.” Der Richter ist dann der Super-Therapeut. Nur er fällt das Urteil. Der Mandant ist ihm ausgeliefert.


Die Aufgaben eines Verteidigers sind also ganz anders als die eines Facharztes. Die Praxis effektiver Strafverteidigung lässt sich nicht ebenso erlernen, wie die eines Augenarztes.


"Es kommt vor, dass ein Mandant einen Anwalt in seiner Strafsache engagiert, der gar kein Verteidiger ist. Das ist leichtsinnig und gefährlich."

Denn wenn der arme Mandant merkt, dass ein Anwalt als Verteidiger nichts kann, ist es meist schon zu spät. Jeder, der in Deutschland die zwei juristischen Staatsprüfungen besteht, muss vor jedem deutschen Gericht als Verteidiger zugelassen werden. Er darf sich Verteidiger nennen und eine Kanzlei eröffnen. Mit guten Noten allein ist es aber nicht getan.


"Strafrecht alleine genügt nicht, um ein guter Verteidiger zu werden."

in guter Verteidiger muss sich auch in den so genannten Hilfswissenschaften auskennen. Kriminaltechnik, Aussagepsychologie, forensische Medizin (insbesondere forensische Psychiatrie) sind nur einige solcher Hilfswissenschaften. Ein guter Verteidiger muss nicht jede Einzelfrage kennen. Aber er muss die Probleme kennen. Er muss wissen, wie man sie im Einzelfall (meist unter Hinzuziehung von Sachverständigen) nutzbar machen kann. Er lernt dies in der Ausbildung zum Fachanwalt für Strafrecht. Doch Wissen allein genügt ebenfalls nicht. Viel wichtiger ist die Fähigkeit, dieses Wissen auch anwenden zu können.


"Intuitives Verständnis, Menschenkenntnis und Empathie sind kein Studienfach. Wer sie nicht hat, kann ein sehr guter Anwalt auf anderen juristischen Gebieten sein. Als Verteidiger wird er aber kläglich scheitern."

Ein guter Verteidiger muss Fingerspitzengefühl haben. Er muss herausfinden, ob das, was der Zeuge gesehen oder gehört haben will, der Wirklichkeit entspricht oder nur ein Fantasiegebilde ist. Er muss in der Lage sein, zu “durchfühlen”, warum der Zeuge bei der Polizei einmal so, vor Gericht aber anders ausgesagt hat.


Gerade bei der Befragung von Zeugen und Sachverständigen zeigt sich, was ein Verteidiger wirklich kann.

Eine einzige Frage an einen Zeugen, ein kurzer, geschickt formulierter Antrag kann wichtiger sein, als ruheloses Agieren vor Gericht. Weniger ist also manchmal mehr. Dies gilt insbesondere bei der Befragung von Belastungszeugen. In anderen Fällen ist ein Mehr an Befragung nötig. Der Verteidiger muss herausfinden, ob ein Mensch sich mutmaßlich in einer Situation, wie sie der Zeuge gerade dargestellt hat, so benimmt, wie der Zeuge behauptet. Und die Kunst dabei ist, den Zeugen nicht erkennen zu lassen, wohin die Reise geht. Denn nur so kann der Verteidiger erwarten, auch von einem böswilligen Zeugen Antworten zu bekommen, die die Darstellung, die dieser Zeuge gegeben hat, innerlich unwahrscheinlich machen.


Die Wahrheit interessiert den Verteidiger nicht. Ihn hat nur die Beweislage zu interessieren. Das ist sein Job. Er dient nur den Interessen seines Mandanten.

Oft haben Mandanten völlige Fehlvorstellungen zu dem Vertrauensverhältnis zwischen Verteidiger und Mandant. Viele sind erstaunt, dass der Fall, in denen der Mandant dem Verteidiger die Tat sogleich gesteht und den Anwalt nun auffordert, ihn jetzt mal rauszuhauen, so gut wie nie vorkommt. Viele Mandanten haben instinktiv ein Gefühl dafür, wann es besser ist, dem Verteidiger seinen “guten Glauben” zu lassen. Sie stellen sich als unschuldige Opfer anderer Menschen oder verbissener Ermittler dar. Manch ein Verteidiger will daher aus gutem Grund nicht wissen, ob der Mandant “schuldig” ist.


Aus Sicht der Verteidigung geht es nicht um Schuld, sondern allein um die Frage: Reichen die Beweise aus, um jemanden zu verurteilen? Das ist etwas völlig anderes.

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